Die inneren Grenzen der Menschheit
Ervin Laszlo
DIE INNEREN GRENZEN DER MENSCHHEIT
Die Herausforderung an die gegenwärtige Kultur (S.76-89)
Wenn die Menschheit aufhören will nur zu reagieren und endlich anfangen zu agieren, braucht sie einen Stern, dem sie folgen kann. Einem Stern zu folgen impliziert nicht eine interplanetarische Reise, sondern bedeutet nur, einen guten Kompass zu haben. Ideale und eine positive Phantasie zu haben sind wichtig, nicht weil diese dadurch sofort und in vollem Ausmaß erreicht werden könnten, sondern weil sie Maßstäbe setzen können, die unsere Schritte lenken.
Aber wo soll der Mensch solche positiven Visionen finden?
Soll er sich eine der neuen Philosophien zu eigen machen, die hier und dort aus dem Boden sprießen, Z.B. jene einer postindustriellen Gesellschaft oder einer Noosphäre und kosmischen Harmonie? Solche Ansichten werden von brillanten Geistern vorgeschlagen, doch vermögen sie es nicht, die Vorstellungen einer breiten Öffentlichkeit zu begeistern. Zum Glück brauchen wir keine unerprobten Ideale auszuprobieren, wenn jene, die Teil unseres kulturellen Erbes sind, noch die latente Kraft besitzen, zum Handeln zu motivieren und Entscheidungen zu beeinflussen. Die großen Ideale der Weltreligionen und die Ethik und Weltsicht jüngerer Zeitalter verkörpern beständige Werte, die unabhängig sind vom Zeitpunkt ihres ersten historischen Auftretens. Diese Ideale können und sollen bekräftigt werden, aber sie sollen nicht mit dem in Verbindung gebracht werden, was Politiker manchmal aus ihnen gemacht haben.
Da gibt es beispielsweise die christliche Vision universeller Brüderlichkeit, die beherrscht ist von des Menschen Liebe zu einem Gott aller Menschen und von der Liebe zu seinen Mitmenschen. Da gibt es die historisch überlieferte jüdische Vision eines erwählten Volkes, in dem alle Familien der Erde gesegnet werden sollen. Der Islam hat eine universelle Vision einer letzten Gemeinschaft von Gott, Mensch, Natur und Gesellschaft. Der Hinduismus betrachtet die Materie lediglich als die äußere Manifestation des Geistes und drängt auf Einklang mit der kosmischen Harmonie durch die unterschiedlichen Pfade des Yoga. Auch der Buddhismus sieht die gesamte Wirklichkeit als untereinander vernetzt und lehrt den Menschen die Einheit mit ihr, indem er die Triebe und Wünsche eines separierten Epos zurückweist. Der Konfuzianismus findet die höchste Harmonie in disziplinierten und geordneten zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Taoismus findet eine solche Harmonie in der Natur und Ursprünglichkeit. Die afrikanischen Stammesreligionen denken sich eine große Gemeinschaft der Lebenden und Toten, der jeder Mensch angehört, außer wenn er absichtlich ein Ungleich gewicht zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Mächten in ihm und um ihn herum schafft.
Denjenigen, die auf weltliche Werte und Ideale schauen, bietet eine liberale Demokratie die Vision einer freien Gesellschaft, in der alle entsprechend ihren Wünschen und ihrem Temperament ihr Bestes geben und jeder die besten Möglichkeiten zum Glück findet. Der Kommunismus wiederum verkündet das Ideal einer egalitären Gesellschaft ohne Klassen und ohne Ausbeutung, wo jeder gemäß seiner wirklichen Bedürfnisse entlohnt wird.
Das sind beständige Ideale, die sich auf universale menschliche Werte gründen. Wir können uns kaum etwas Besseres antun, als diese wiederzuentdecken und unsere Schritte entsprechend auszurichten. Wenn sie auch verfügbar sind, so verkrusteten diese positiven Visionen doch durch obsolete Praktiken und aufgesetzte Überzeugungen. "Moderne" Menschen lehnen es ab an Religion zu glauben und leugnen, irgendwelchen Idealen zu folgen. So erachten es Liberale selten für nötig, ihre Prinzipien zu rechtfertigen, sie verweisen stattdessen auf den Pragmatismus freier und gleichberechtigter Partner, die zum gemeinsamen Vorteil einen sozialen Vertrag abschließen. Kommunisten leiten ihre Vision von der Marx'schen Geschichtsinterpretation her und sehen ihre Errichtung sowohl als objektive Notwendigkeit als auch als historische Unvermeidbarkeit an. Wo die Liberalen ihre Vision auf praktischen gesunden Menschenverstand gründen, da erheben die Kommunisten diese auf die Stufe einer heiligen Schrift. Weder die einen noch die anderen halten sie einer kritischen Diskussion und Entwicklung für bedürftig und zugänglich. Und während die verschiedenen Jugendbewegungen noch heftig über Alternativen beraten, müssen sie selbst durchaus noch lernen, positive Visionen einer neuen Ordnung jenseits der Zerstörung der alten zu entwickeln.
Bis die nächste Generation neue Visionen vom Leben und der Gesellschaft gefunden haben wird, werden uns unsere heutigen Ideale als Führer dienen müssen. Aber bis dahin werden sie sich verjüngen müssen und veraltete Ängste und Verdächtigungen ablegen. Da ist zuallererst die historische Sorge und das Misstrauen der Liberalen gegenüber jedweder Art organisierter Staatsmacht. Das fand seinen Ausdruck in der Doktrin: "Wer am wenigsten reinredet, der regiert am besten." Diese Ängste und dieses Misstrauen sind ein historisches Vermächtnis, das nicht in den Kontext der heutigen Welt passt. Die liberale Doktrin entstand im 17. Jahrhundert, als der Aufstieg der immer mehr prosperierenden Mittelklasse die Herrschaft absolutistischer Monarchien als antiquiert und nicht mehr tolerierbar erscheinen ließ. Unsere heutigen Probleme im Westen mögen noch so vielgestaltig irgendwelchen Idealen zu folgen. So erachten es Liberale selten für nötig, ihre Prinzipien zu rechtfertigen, sie verweisen stattdessen auf den Pragmatismus freier und gleichberechtigter Partner, die zum gemeinsamen Vorteil einen sozialen Vertrag abschließen.
Kommunisten leiten ihre Vision von der Marx'schen Geschichtsinterpretation her und sehen ihre Errichtung sowohl als objektive Notwendigkeit als auch als historische Unvermeidbarkeit an. Wo die Liberalen ihre Vision auf praktischen gesunden Menschenverstand gründen, da erheben die Kommunisten diese auf die Stufe einer heiligen Schrift. Weder die einen noch die anderen halten sie einer kritischen Diskussion und Entwicklung für bedürftig und zugänglich. Und während die verschiedenen Jugendbewegungen noch heftig über Alternativen beraten, müssen sie selbst durchaus noch lernen, positive Visionen einer neuen Ordnung jenseits der Zerstörung der alten zu entwickeln.
Bis die nächste Generation neue Visionen vom Leben und der Gesellschaft gefunden haben wird, werden uns unsere heutigen Ideale als Führer dienen müssen. Aber bis dahin werden sie sich verjüngen müssen und veraltete Ängste und Verdächtigungen ablegen. Da ist zuallererst die historische Sorge und das Misstrauen der Liberalen gegenüber jedweder Art organisierter Staatsmacht. Das fand seinen Ausdruck in der Doktrin: "Wer am wenigsten reinredet, der regiert am besten." Diese Ängste und dieses Misstrauen sind ein historisches Vermächtnis, das nicht in den Kontext der heutigen Welt passt. Die liberale Doktrin entstand im 17. Jahrhundert, als der Aufstieg der immer mehr prosperierenden Mittelklasse die Herrschaft absolutistischer Monarchien als antiquiert und nicht mehr tolerierbar erscheinen ließ. Unsere heutigen Probleme im Westen mögen noch so vielgestaltig sein, es handelt sich dabei aber nicht um den Machtmissbrauch von Königen oder anderen Tyrannen.
Die Ängste der Liberalen und ihr Misstrauen passen andererseits sehr gut zu den Ängsten und dem Argwohn der Kommunisten. Auch hier handelt es sich um ein historisches Erbe. Die kommunistische Lehre erfuhr im 19. Jahrhundert ihre letzte Ausformung, als die städtischen Proletarier unter repressiven Lebens- und Arbeitsbedingungen lebten, während die industriellen Neureichen ungeheuren Reichtum anhäuften. Heute gilt unsere größte Sorge jedoch nicht dem wirtschaftlichen und sozialen Auskommen der Industriearbeiter - denen es überall auf der Welt bemerkenswert gut geht - sondern um die Schaffung von mehr Arbeit, damit wir die eine Milliarde der Ärmsten der Armen auf eine Stufe heben können, auf der sie wenigstens das Minimum an Menschenwürde erfahren und in den Genuss der elementaren Menschenrechte und Freiheiten kommen. Die rigide Anwendung überholter Praktiken wird zu einer künstlichen und völlig unnötigen Quelle von Konflikten. "Führt so viel wie möglich Laissez-faire ein, stellt sicher, dass es möglichst wenig Einmischung in das private Unternehmertum und eine maximale Vergütung für private Initiative gibt, garantiert das Recht auf alle Formen des Privateigentums, trennt Kirche und Staat, Privatsphäre und Staatsangelegenheiten und übertragt die Macht auf das Volk und seine Vertreter" - dies sind die Hauptprinzipien der liberalen Demokratie. "Verstaatlicht die Produktionsmittel, verhindert die Anhäufung von Reichtum durch einzelne, plant und kontrolliert alle wichtigen Bereiche der Gesellschaft und Wirtschaft, beseitigt die Überbleibsel einer religiös bürgerlichen Mentalität und übertragt - um sicher zu gehen, dass dies alles schnell und gründlich durchgeführt wird - die Macht einer kleinen, historisch und sozial bewussten Minderheit" - so lauten im Gegensatz dazu die Hauptmaxime des Marxismus. Obwohl die Ideale von Liberalismus wie Kommunismus auf beständigen Werten beruhen, kann man sich an ihre praktischen Umsetzungen in beiden Ideologien nicht halten, ohne dass dies Konflikte zur Folge hätte: Man kann nicht die Liberalen erfreuen und gleichzeitig die Kommunisten zufriedenstellen. Veränderte Umstände verlangen heute auf beiden Seiten eine veränderte Praxis. Während beide ihre Grundvision mit Vitalität und Willen behaupten können, müssen sie ihre praktische Umsetzung aber noch einmal gründlich überdenken. Die angemessene Revision liberaler und kommunistischer Praxis stellt keine willkürliche und oberflächliche Form des "Revisionismus" dar, sondern eine historische Anpassung und innere Verjüngung.
Zwei Kriterien mögen hier als Bezugspunkte dienen. Der erste betrifft die Innenpolitik und dreht sich um die Frage: Richtet sich die gegenwärtige Politik darauf, die grundlegenden Ideale zu verwirklichen und ist sie in diese Richtung wirklich wirkungsvoll? Das zweite Kriterium gilt den internationalen Beziehungen und wirft die Frage auf: Ist es in der heutigen interdependenten Welt noch angebracht, das ursprünglich anvisierte Gesellschaftsmodell noch aufrecht zu erhalten? Betrachten wie die innenpolitische Frage etwas näher. Die heutige Praxis der liberalen Gesellschaft ist weit davon entfernt, zu einem freien und gerechten Gesellschaftsleben zu führen und dem einzelnen größtmögliches Glück zu bieten.
Die Liberalen sind so darauf aus, die persönlichen Freiheiten zu bewahren und zu steigern, dass sie dadurch unvermeidlich soziale Gemeinschaften atomisieren und den einzelnen isolieren, so dass diese dann hauptsächlich darauf aus sind, nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen, ihre eigenen Dinge zu regeln und sich um niemand anderen zu kümmern. Die oft wiederholte Mahnung: "Kümmere dich nicht um andere, sei einfach du selbst« ist zwar theoretisch wunderbar, lässt die Menschen aber so ichhaft werden, dass sie in ihrer eigenen Haut vereinsamen. Bedingungsloser Individualismus garantiert keineswegs das Glück des Individuums. Wo die Menschen lediglich ihren eigenen Dingen nachgehen und sich nur um sich kümmern, da sind die Menschen voneinander isoliert und der Gesellschaft entfremdet. Das einseitige Beharren des Liberalismus auf den Rechten und Freiheiten des einzelnen schlägt zurück, indem es Verantwortungslosigkeit und Kurzsichtigkeit produziert. Man glaubt, das freie Streben nach persönlichem Glück führe unausweichlich zu einer Form öffentlichen Wohls. Der einzelne ist nicht aufgefordert, sich für andere verantwortlich zu fühlen, besonders für Völker und Kulturen, die jenseits seines unmittelbaren sozialen und zeitlichen Horizonts liegen. Wenn ich das Leiden derer, denen ich mit meinem Handeln schade, nicht bemerke, so geht mich das auch nichts an - und überhaupt ist das Ganze wohl sowieso übertrieben. Geschäftskonkurrenten, Menschen aus anderen Gemeinschaften, anderen Ländern und anderen Kontinenten kümmern mich nicht und zukünftige Generationen liegen außerhalb meines Verantwortungsbereichs. Im Europa des 17. Jahrhunderts war es berechtigt, dass der Liberalismus unter der Königsherrschaft auf der Freiheit des einzelnen bestand. Im Zeitalter demokratischer Gesellschaften, die zudem immer komplexer und immer mehr voneinander abhängig werden, bedeutet solch einseitiges Festhalten, die Kuh aufs Eis zu schicken: Ein erschreckend niedriges Niveau an sozialer Verantwortung kann die Folge sein.
Die geschichtlichen Übeltaten des Kommunismus sind bei uns besser bekannt: Da gab es Personenkult, Totalitarismus, die Bürokratisierung der Wirtschaft, der Gesellschaft und sogar der Kultur und eine Unterbewertung der grundlegenden Menschenrechte. Die kommunistische Vision ist revolutionär und utopisch - sie verlangt nach einer radikalen Umgestaltung der bestehenden Ordnung und einem gleichbleibend hochmotivierten Fortschritt zur nächsthöheren Stufe der Gesellschaftsentwicklung. Die Vision ist der Realität immer weit voraus und die Massen scheinen immer äußerst erziehungsbedürftig zu sein. Solche "Erziehungsversuche" hatten immer zwei spezielle Gesichter: GULAG-Archipele, Netze von Informanten und Geheimpolizisten, die Neigung, dass man den Führern quasi übernatürliche Weisheit und Unfehlbarkeit zuschreibt, das Abschirmen vom Austausch mit anderen Kulturen durch Reisebeschränkungen und Informationszensur sowie Indoktrination von der Wiege bis zum Grab durch einen unendlichen Strom von Slogans, Vorschriften und Theorien. Die Resultate entsprachen selten den Erwartungen. Wenn das Verhalten der Menschen auch deutlich beeinflusst wird, so werden ihre Wertvorstellungen eher egoistischer als altruistisch. Es kommt zu krassen Formen eines "bourgeoisen" Materialismus mit einer geringen Arbeitsmoral und -ethik und zu einem Gefühl der Hilflosigkeit angesichts einer überwältigenden Allgegenwart von Staat und Partei. Die Menschen sind darauf aus, für sich das herauszuholen, was möglich ist - das System ist unpersönlich und es weist Schlupflöcher auf. Überdies schafft die zentrale Wirtschaftsplanung eine enorme Bürokratie, die in hohem Maße gekennzeichnet ist von Teilnahmslosigkeit und Trägheit. Solche Praktiken führen in den kommunistischen Staaten genauso wenig zur Verwirklichung ihrer Vision einer klassenlosen und gerechten Gesellschaft, in der die Güter entsprechend den Bedürfnissen verteilt werden, wie es der Missbrauch liberaler Ideale vermag, deren Vision einer freien Gesellschaft moralischer Einzelmenschen zu verwirklichen, in der sich jedermann der Maximierung menschlichen Glücks widmet.
In gewissem Maße sind auf einigen Gebieten und in einigen Gesellschaften bereits ein paar Veränderungen und Anpassungen auf den Weg gebracht. Die liberalen Demokratien beschäftigen sich mehr als zuvor mit sozialen und politischen Rechten. Diskriminierung, Ungleichheit, extreme Wohlstands- und Machtungleichgewichte und die Doppelmoral in Politik und Rechtsprechung werden sensibler diskutiert. Sie werden auch feinfühliger gegenüber den Konsequenzen ihrer Handlungen für andere Völker und zukünftige Generationen und sind nun eher bereit, dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Der Glaube an das System eines freien Unternehmertums verbunden mit dem Recht des einzelnen, zu tun, was immer für ihn von Vorteil ist - so- lange er das Gesetz nicht bricht oder sich dabei zumindest nicht erwischen lässt - ist noch immer sehr stark verwurzelt. Und dieser Glaube wird noch untermauert von der naiven Überzeugung, dass die individuellen und nationalen Interessen wie auch die nationalen und globalen automatisch übereinstimmen. In den Vereinigten Staaten zwang man Charles Wilson von seinem Kabinettsposten zurückzutreten, denn er hatte öffentlich verkündet: "Was gut ist für General Motors, ist gut für das ganze Land", es würde aber kein Politiker getadelt, wenn er behauptete: "Was für Joe Smith gut ist, ist auch gut für das Land". Und politische Führer wie Nixon, Rockefeller und Reagan haben wiederholt versichert, dass ein reiches und starkes Amerika wichtig für die ganze Welt sei - will heißen: "Was für die Vereinigten Staaten gut ist, ist auch gut für die übrige Welt."
In der Gorbatschow-Ära führen die kommunistischen Staaten nun gleichfalls nötige Reformen durch. Noch gelingt ihnen aber die umfassende Revision ihrer Praxis nicht. Einige bewegen sich auf eine fortschreitende Dezentralisierung und Verminderung der staatlichen Kontrolle zu, zugunsten lokaler und regionaler Entscheidungen. Die meisten Staaten mäßigen ihren Dogmatismus und gestatten einen freieren Fluss von Menschen und Informationen über ihre Grenzen hinweg. Sie stützen sich in höherem Maße auf individuelle Initiativen und schaffen dafür auch die Anreize.
Trotzdem sind die individuellen Menschenrechte noch immer unterdrückt oder eingeschränkt, die Meinungs- und politische Handlungsfreiheit sind beschnitten, eine Debatte über grundlegende ideologische Lehrsätze ist nicht erlaubt. Man hat die zentrale Wirtschaftsplanung nicht aufgegeben, selbst wenn sich längst erwies, daß auch eine noch so große Bürokratie nicht imstande ist, eine komplette Nationalökonomie zentral zu steuern. Die Produktion von Slogans und Spruchbändern funktioniert noch immer reibungsloser als die Produktion der benötigten Industrie-, Landwirtschafts- und Konsumgüter. Während die Gebäude und Türeingänge immer noch vollgepflastert sind von Sprüchen, die die Herrlichkeit von Partei, Staat und Kommunismus feiern, haben die Menschen, die daran vorbeilaufen, aufgehört sie zu beachten - sie sind zu sehr darauf versessen, den Lebensmitteln und Konsumgütern nachzujagen, die schwer fassbar sind, hier und da mal auftauchen, nur um dann auf geheimnisvolle Weise wieder zu verschwinden.
Befassen wir uns nun mit dem zweiten Kriterium zur Verbesserung bestehender Gesellschaftlicher Praktiken, das die Errichtung und Erhaltung der angestrebten Gesellschaften n einer vielfacettigen und interdependenten Weltgemeinschaft betrifft.
Interdependenz und Mannigfaltigkeit sind Merkmale, die typisch sind für unsere Welt. Seit dem 2. Weltkrieg hat die gegenseitige Abhängigkeit ständig zugenommen; das wurde während der Ölkrise 1972/73 selbst den unerschütterlichsten Verteidigern nationaler Unabhängigkeit klar. Die Nationen sind aufeinander angewiesen, in Bezug auf Energie und Rohstoffe, den Transfer von Wissenschaft und Technologie, den Fluss von Kapital und Informationen und die Ausbalancierung der Macht. Die Nationalstaaten sind nicht länger unabhängige Akteure in einer Welt, in der die Energie-, die Industrie-, die Landwirtschafts-, die Finanz- und die wissenschaftlich-technischen Systeme global sind und die Nuklearwaffen sowohl "vertikal" (in ihrer Genauigkeit und Sprengkraft) als auch "horizontal" (von Nation zu Nation) wild wuchern. Mannigfaltigkeit ist ein weiteres kennzeichnendes Merkmal unserer Welt und sie hat einen großen potentiellen Wert. Sie kann der Schöpferkraft menschlicher Kultur den nötigen Spielraum geben und der Gesellschaft die Flexibilität, die sie braucht, um angemessen mit Veränderungen und Umgestaltungen umzugehen und die Monotonie abzuschwächen, die von Uniformität ausgeht. Doch während die Interdependenz gewachsen ist, ist die Mannigfaltigkeit geschwunden. Die fortschreitende " Coca-Kolonisation" der Welt war ein Kennzeichen des mehr als eine Trillion Dollar schweren Welthandels, der zum größten Teil seinen Ursprung in westlichen und verwestlichten Industriegesellschaften hatte und der nicht nur westliche Produkte und Technologien verbreitet, sondern auch westliche Werte und Weltanschauungen. Lediglich das unterschiedliche Niveau der ökonomischen Entwicklung bewahrt andere "Weltstädte" davor, zu bloßen Kopien von New York oder Frankfurt zu werden, und die Ackerflächen der Welt, wie die mechanisierten und verkünstlichten Äcker von Kansas auszuschauen.
Unsere Welt ist interdependent und bis jetzt noch einigermaßen mannigfaltig. Aber anstatt die gegenseitige Abhängigkeit anzuerkennen und die Mannigfaltigkeit zu bewahren, sind sowohl Liberale als auch Kommunisten bestrebt, nationale Hegemonie in internationale Uniformität auszudehnen. Liberale Demokraten träumen nicht weniger als marxistische Kommunisten von einer völlig liberalen respektive kommunistischen Welt und jede Seite strebt den Niedergang des anderen als Vorbedingung zur Erlösung der Menschheit an. Die Falken unter ihnen scheuen selbst nicht davor zurück, zur Bekehrung ihrer Opponenten - und zum Wachstum ihres eigenen Wohlstands und ihrer Macht - auch einen Krieg zu erwägen und Revolten anzuzetteln.
Diese aggressiven Strategien erfuhren inzwischen jedoch eine deutliche Wendung. Die klassischen Konzepte konnten den hohen Grad an Interdependenz nicht voraussehen und haben die Werte der Mannigfaltigkeit weit unterschätzt. Heute müssen wir sagen: "Laßt Hunderte von Visionen blühen." Die Freiheit, im Prinzip von Liberalen und Kommunisten hochgehalten (wenn von ihnen auch unterschiedlich interpretiert), sollte die freie Wahl der eigenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ideale beinhalten.
Die unterschiedlichen Systeme können sogar von den Errungenschaften und Erfahrungen des anderen lernen: Sozialisten und Kommunisten brauchen den ständigen Strom wissenschaftlicher technischer Innovationen und Neuerungen beim Management, die in den liberalen Gesellschaften gut gedeihen; die Liberalen benötigen andererseits die Erfahrungen, die die Sozialisten und Kommunisten mit sozioökonomischer Integration und Planung sammeln konnten.
Respekt für die abweichenden Ansichten der anderen und die Bereitschaft, davon zu lernen, zählen zu den schwierigsten menschlichen Tugenden. Sie gehören jedoch zu denen, die heute am dringendsten benötigt werden. Die Menschen neigen dazu, die Ideale von anderen mit den eigenen zu vergleichen und aufzuwiegen. Die Prinzipien des Liberalismus sind in sich selbst weder besser noch schlechter als die des Kommunismus. Und der Liberalismus ist bestimmt nicht bloß ein historischer Vorläufer des Kommunismus, der ihn durch die proletarische Revolution überwindet, genauso wenig wie der Kommunismus nicht bloß eine vorübergehende totalitäre Phase in der überängstlichen Entwicklung unreifer Gesellschaften darstellt, die man durch Staatsstreiche oder rechtzeitige Infiltration von Wohlstand und Modernität besiegt. Jedes dieser beiden Systeme hat seine eigenen Vor- und Nachteile, die unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich zum Tragen kommen. Beispielsweise kann die Zentralisation und der Missionseifer des Kommunismus seine besonderen Vorteile zur Geltung bringen, wenn in Gesellschaften rasche und zielgerichtete Änderungen dringend erforderlich sind, um weitverbreitete Armut und überaltete Institutionen zu beseitigen. Und in einer Gesellschaft, in der die einzelnen relativ gut in die bestehende Ordnung eingegliedert sind und die Entwicklung vergleichsweise fortgeschritten und ausgeglichen ist, werden bessere Resultate erzielt durch ein freieres Spiel der Marktkräfte und individuellen Initiativen, wenn dies in einem liberalen Rahmenwerk sozialer und wirtschaftlicher Organisation geschieht.
Es ist unwahrscheinlich, dass alle Völker und Gesellschaften dasselbe Maß und dieselbe Form sozioökonomischer Entwicklung erreichen werden und in der Tat ist das auch nicht wünschenswert. Aber solange es unterschiedliche Schritte der Erkenntnisse für unterschiedliche Entwicklungswege gibt, solange wird es auch unterschiedliche Vorteile geben, die mit Zentralisation versus Dezentralisation, Staats- beziehungsweise Körperschaftseigentum, demokratischem Pluralismus respektive kommunistischer Führung und freiem Unternehmertum versus staatlichem Managementsystem verbunden sind. Das Vorhandensein unterschiedlicher Systeme ist ein positiver Faktor, der im eigenen Land die Vorteile der Anwendbarkeit vergleichen lässt und international die Vielfalt bewahrt. Die herausforderndste Aufgabe, mit der sich der Liberalismus und Kommunismus konfrontiert sehen, besteht nicht darin, den anderen zu Fall zu bringen, sondern zu lernen, mit dem anderen zu leben und zusammenzuarbeiten.
Die raubgierigen Bestrebungen doktrinärer Liberaler und Kommunisten bilden eine gefährliche innere Grenze in unserer verschiedenartigen und interdependenten Welt. Solche Bestrebungen führen zu Konflikten und schließlich zu Konfrontationen. Weder die liberalen noch die kommunistischen Gesellschaften zeigen Anzeichen eines sozialen und ökonomischen Kollaps; beide sind derart bis an die Zähne bewaffnet, dass sie den anderen viele Male vernichten
können. Ein militärischer Sieg hinterließe, wenn er denn möglich wäre, nur Leere. Wenn der Sieger dann dem Verlierer seine Politik und sein sozioökonomisches System aufzwänge, so würde das zu dessen unumschränkter weltweiten Machtausübung führen. Das internationale System würde mit Riesenschritten auf eine Uniformität zusteuern - und zusammenbrechen. Denn selbst das beste System ist nicht in der Lage, alle Entwicklungen in Gesellschaft, Kultur und Technik vorauszusehen. Kein einzelnes System kann die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ersetzen, die die Mannigfaltigkeit bietet.
Die Herausforderung, der sich unsere heutige Kultur gegenübersieht, ist nicht geringer als jene an den einzelnen und an die politischen Systeme. Die Herausforderung an die Kulturen lautet, die inneren Grenzen des negativen Denkens zu überwinden und die überholten Methoden aufzugeben, an denen wir uns so sehr festhalten und von denen wir glauben, sie alleine könnten eine positive Vision der Zukunft verwirklichen. Wir müssen uns die großen humanistischen Visionen unseres kulturellen Erbes von neuem anschauen und sie wiederentdecken, doch müssen die damit verbundenen praktischen Folgerungen revidiert werden.
Die biblische Warnung, mit der wir dieses Kapitel begonnen haben, ist richtig, aber unvollständig. Das Volk geht nicht nur zugrunde, wenn ihm eine Vision fehlt, sondern auch, wenn diese nicht positiv ist und nicht ständig der Zeit und den Umständen angepasst wird.