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Martin Luther und die Reformation
Fünfzehn Jahrhunderte nach Christus wandte sich Luther, ... der Begründer des protestantischen Glaubens, gegen den Papst, und zwar wegen gewisser Lehraussagen wie des Eheverbots für Mönche, des verehrungsvollen Niederbeugens vor den Bildern von Aposteln und christlichen Führern der Vergangenheit sowie wegen verschiedener anderer religiöser Praktiken und Bräuche, die den Geboten des Evangeliums hinzugefügt worden waren. Obwohl zu jener Zeit die Macht des Papstes so groß war und er mit solcher Ehrfurcht behandelt wurde, dass die Könige Europas vor ihm zitterten und bebten, obwohl der Papst alle wichtigen Belange Europas kontrollierend im Griff hielt, haben doch in den letzten 400 Jahren die Mehrheit der Bevölkerung Amerikas, vier Fünftel von Deutschland und England und ein großer Prozentsatz von Österreichern, alles in allem etwa hundertfünfundzwanzig Millionen Menschen, andere christliche Bekenntnisse verlassen und sind in die protestantische Kirche eingetreten, weil Luthers Einstellung in der Frage der Freiheit von Religionsführern zur Heirat, in seiner Abkehr von der Anbetung und vom Niederknien vor Bildern und Heiligenfiguren, die in Kirchen hingen, und in der Abschaffung von Zeremonien, die dem Evangelium beigefügt worden waren, nachweislich richtig war, ferner weil die richtigen Mittel ergriffen wurden, seine Ansichten zu verbreiten. ... Auch wenn nicht klar wurde, welche Zielvorstellung jenen Mann vorantrieb oder wozu er neigte, seht nur den Eifer und die Mühe, mit der die protestantischen Führer seine Lehren weit und breit verkündet haben!
('Abdu'l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 45-46)
Unter späteren Geschlechtern [erhoben sich] Stimmen des Protests ... gegen eine selbsternannte Amtsgewalt, die sich Vorrechte und Vollmachten, welche nicht aus dem klaren Text des Evangeliums Jesu Christi hervorgingen, anmaßte und damit eine schwerwiegende Abweichung vom Geist dieses Evangeliums darstellte. Mit aller Macht und vollem Recht führten diese Stimmen des Protestes aus, die kanonischen Schriften, wie sie von den Kirchenkonzilien verkündet wurden, seien keine gottgegebenen Gesetze, vielmehr nur menschliche Vorkehrungen, die nicht einmal auf tatsächlichen Äußerungen Jesu beruhten. Ihre Beweisführung kreiste um die Tatsache, dass die ungenauen, kaum beweiskräftigen Worte Christi an Petrus: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will Ich Meine Kirche bauen", niemals die extremen Zwangsmittel, das kunstvolle Zeremoniell, die einengenden Dogmen und Glaubenssätze rechtfertigen könnten, mit denen Seine Nachfolger Schritt für Schritt Seinen Glauben überbürdet und verfinstert haben. Wäre es den Kirchenvätern, deren ungerechtfertigte Autorität so von allen Seiten heftig angegangen wurde, möglich gewesen, die auf ihr Haupt gehäuften Anklagen dadurch zu widerlegen, dass sie bestimmte Äußerungen Christi zur künftigen Verwaltung Seiner Kirche oder zum Wesen der Amtsmacht Seiner Nachfolger hätten anführen können, dann wären sie sicherlich in der Lage gewesen, die Flammen des Streites zu löschen und die Einheit der Christenheit zu erhalten. Das Evangelium aber, die einzige Schatzkammer der Äußerungen Christi, bot den gequälten Kirchenführern keinen derartigen Schutz.
(Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá'u'lláhs, S. 39-40)
[Shoghi Effendi beschreibt in einer von ihm verfassten Botschaft an eine internationale Bahá'í-Konferenz in Schweden Europa u.a. als den Kontinent] in dessen Herzen das Licht der Reformation so hell leuchtete und seine Strahlen bis zu den abgelegensten Regionen des Erdballs verbreitete ...
(Shoghi Effendi, Hüterbotschaften an die Bahá'í-Welt, S. 23)
Der Beitrag, den die Reformation wirklich geleistet hat, ist, das Gebäude, das die Kirchenväter sich selbst errichtet hatten, ernsthaft herausgefordert und teilweise ins Wanken gebracht und den gänzlich menschlichen Ursprung der kunstvoll ausgearbeiteten Lehren, Zeremonien und Institutionen entlarvt zu haben, die sie ersonnen hatten. Die Reformation war eine notwendige Infragestellung der menschengemachten Struktur der Kirche – und als solche ein Fortschritt. In ihren Ursprüngen war sie eine Reflexion des neuen Geistes, den der Islam freigesetzt hatte, und eine von Gott gesandte Strafe für jene, die es versäumt hatten, seine Wahrheit anzunehmen.
(Aus einem Brief im Auftrag Shoghi Effendis an einen einzelnen Gläubigen, 28.12.1936 [e.Ü.])
Haltung der Bahá'í gegenüber den christlichen Konfessionen
Während die Zugehörigkeit zu kirchlichen Organisationen nicht statthaft ist, sollte die Zusammenarbeit mit ihnen nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert werden. Auf keine bessere Art und Weise kann man die Universalität der Sache demonstrieren. Bahá'u'lláh drängt in der Tat Seine Anhänger, sich mit allen Religionen und Nationen in äußerster Freundlichkeit und Liebe zu vereinigen. Dies bildet den wirklichen Geist Seiner Botschaft an die Menschheit.
(Aus einem Brief im Auftrag Shoghi Effendis an einen Nationalen Rat, 11.12.1935 [e.Ü.])
Die Kirchen predigen Lehren – völlig verschiedene in den jeweiligen Konfessionen – die wir als Bahá'í nicht annehmen können; so wie die leibliche Auferstehung, die Beichte oder, in manchen Bekenntnissen, die Leugnung der Jungfrauengeburt. In anderen Worten: Es gibt heutzutage keine Christliche Kirche, von deren Dogmen wir als Bahá'í behaupten könnten, dass wir sie in ihrer Gesamtheit akzeptieren.
(Aus einem Brief im Auftrag Shoghi Effendis an einen Lokalen Rat, 24.06.1947 [e.Ü.])
Der Hüter stimmt mit Ihnen überein, dass die Bahá'í sehr vorsichtig sein sollten, nicht die Kirche zu kritisieren oder gar anzugreifen. Da wir glauben, dass die Römisch-Katholische Kirche, wenn Sie so wollen, die Erbin der Lehren Christi in direkter Linie ist, wenngleich sie durch menschengemachte Dogmen entstellt worden sein mag, wäre es uns gewiss kein Gewinn, ihr Feindschaft entgegenzubringen.
(Aus einem Brief im Auftrag Shoghi Effendis an einen einzelnen Gläubigen, 22.03.1950 [e.Ü.])
Prozesse führen kann jeder
Referent. Dr. Thomas Floeth
Ein Blick in die Geschichtsbücher suggeriert dem Leser: Die Geschicke der Menschheit liegen in der Hand von „Führern“, seien es Kaiser, Könige, Fürsten, Stammeshäuptlinge oder manchmal auch geniale Wissenschaftler.
Anderseits scheint in jüngster Zeit ein anderer Wind zu wehen: da ist von Teams die Rede, hinter jedem Führer tauchen eine Gruppe von Beratern auf, an der Seite dominierender Männern werden nicht unbedingt dominierende, gleichwohl aber erfolgreiche Frauen sichtbar usw..
Wohin weht dieser Wind? Und was hat er zu bedeuten?
Diesen Fragen möchte der Vortrag nachgehen. Nach einem Rückblick auf die Vergangenheit will er herausarbeiten, welcher Art Leitung und Führung unsere Zeit braucht. Er zeigt, dass die heutige Entwicklung am ehesten in einem Prozessdenken verstanden werden kann. Ein Prozess wird jedoch nicht durch einen traditionellen Führer gesteuert sondern durch alle Prozessteilnehmer und zwar jeweils durch denjenigen, der ihm zur Zeit am besten dienen kann. Die Anführer von Prozessen sind wir alle im Zweifelsfall also selbst – mit gravierenden Folgen für die Weltgeschichte, aber auch für uns ganz persönlich: für unsere Arbeitswelt, unsere Partnerschaften, unser Familienleben usw..
Über diese Ideen und die konkreten Konsequenzen für unser Leben möchte der Autor gerne mit den Besuchern ins Gespräch kommen.
Vorrede
Was soll das ganze Gerede von den Prozessen?
- Ein neues Modewort, um zu zeigen, dass alles noch komplizierter ist als erwartet?
- Oder dass niemand so recht Schuld hat an dem was gerade passiert:
Die Trennung in einer Ehe liegt nicht daran, dass ein Mann seine Frau hintergeht. Nein, es war ein Prozess, innerhalb dessen die beiden sich auseinandergelebt haben „ Wissen Sie, das Ganze ist so im Laufe eines langen Prozesses entstanden ....“ – so einfach ist das ...
Also: Das Ende aller Verantwortung dank Prozessdenken? Wer Bahá'í kennt, weiß, dass die so nicht denken. Immerhin geht es in der Bahá'í-Religion wie in jeder anderen Weltreligion darum, eine neue (oder auch sehr alte) Ethik in der Welt wirksam werden zu lassen. Und Ethik hat immer etwas mit Verantwortung zu tun.
Ich behaupte, dass auch in jedem Prozess persönliche Verantwortungen zentral ist, dass Prozesse nicht einfach ablaufen, sondern von Menschen geführt werden. Und dass es sich hierbei um eine ganz besondere Art von Führung handelt.
Ich möchte heute Abend zeigen:
- dass es gar nicht dumm ist, in Prozessen zu denken.
- welche Folgen ein solches Denken hat und besonders
- wie in einem solchen Denken Führung und Verantwortung neu verortet werden können.
- und welche Folgen das für unseren Alltag haben kann.
Die Reise, auf die ich Sie mitnehmen möchte hat 4 Stationen:
I. Prozess: Wachstum, Systemlogik und Sachzwänge
II. Führung: traditionelle Führungsstile und der demokratische Führungsstil
III. Prozess-Führung
IV. Die ethische Prozessführung
I. Das Prozessdenken
Woher kommt dieses Denken eigentlich überhaupt und was will es bedeuten?
1. Wachstumsdenken.
Eigentlich ist das Denken in Prozessen des Wachstums sehr alt.
Jeder Landwirt oder Hobbygärtner kennt sich darin aus.
Ein Gärtner, der einen Apfelbaum pflanzt, wird motiviert vom Wissen um die Früchte. Er kann jedoch an den Früchten, dem Ergebnis eines Wachstumsprozesses, nichts ändern. Nur den Prozess des Wachstums selbst kann er beeinflussen
Hinderlich sind dabei:
Ungeduld: es gibt keine Abkürzungen, Trockenheit, Schädlinge, Sturm,
Förderlich sind dagegen:
Wasser, Dünger, Sonne, Beschneiden, Veredeln, Liebe / Zuwendung, Befruchtung, Schutz, Stütze
Was schadet dem Prozess: Die Illusion der Abkürzung!!
Die Idee, sofort Früchte zu bekommen, ein Leben nur auf der sonnigen Seite des Lebens usw.; führt zur eigenen Lösungsunfähigkeit/-unwilligkeit
Gegen Ungeduld – Geduld! Aber: Geduld setzt voraus, dass man den Wachstumsprozess kennt (Gärtner) und in ihn vertraut! Sonst ist Geduld nur Tatenlosigkeit.
Wir müssen dazu Wissen über den Prozess erlangen!
Ohne klare Ziele hat man kein klares Bewusstsein von Problemen in einer Entwicklung und von der Unterstützung, die ein Prozess gerade jetzt braucht.
Folgerungen: Eigenschaften für Wachstumsdenken:
- Erfahrung, Weitblick, Geduld
- Neugier, Lernbereitschaft und Fehlerfreundlichkeit
(Eigenschaften von Jugend + Reife; die Beziehung von Jung und Alt ein Grund für die fehlenden Problemlösungen in unserer Zeit?!
2. Systemlogik.
Ein zweites Standbein hat das Prozessdenken in der Systemlogik. Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass in den letzten 20, 30 Jahren verstärkt von Systemen die Rede ist? Nicht nur von Computersystemen, sondern auch von Handlungssystemen, von Systemzwängen, Systemfehlern, Systemopfern, Systemschwächen usw..
Gemeint ist damit meist, dass Dinge und Entwicklungen in irgendwie logischen Sinnzusammenhängen stehen. Man hat erkannt, dass Ursache und Wirkung oft sehr viel komplizierter zusammenpassen, als auf den ersten Blick erkennbar, dass sich Wirkungsketten über lange Zeiträume und große Entfernungen zurückverfolgen lassen. Man spricht von komplexen Systemen.
Und im Zusammenhang mit Wirtschaftsunternehmen aber auch mit Eingriffen in die Natur wird es immer wichtiger, möglichst weitblickende Zusammenhänge noch mitdenken zu können. In Debatten um das Ozonloch z.B. rechnet man bereits mit Wirkungsketten von Jahrhundertdauer ....
Die Regeln solcher Systeme zu bestimmen, ist hierbei die Kunst. Und man schafft immer aufwändigere Methoden, um dies zu tun.
Gleichzeitig entdeckt man aber, dass z.B. viele Ureinwohner über ein solches Systemwissen hinsichtlich ihrer Umwelt immer schon verfügt haben und ihr Handeln genau den Systemnotwendigkeiten vor Ort entspricht.
System + Entwicklung:
Als Zeichen des Lebens entwickeln sich auch Systeme weiter, d.h. sie kennen Wachstum, übersetzt in Systemlogik heißt das: Systeme haben Feedback-Schleifen, d.h. sie lernen und entwickeln sich dann, wenn es ein Feedback, eine Resonanz oder Blockade gibt: Man stößt an etwas, an eine Grenze. Das sind dann Systemkrisen, die zu neuem veränderten Handeln zwingen.
Folgerungen daraus:
Um in Systemen denken zu können brauche ich die Fähigkeit, Zusammenhänge überhaupt wahrnehmen zu lernen:
Wie komme ich von einem Denken in Einzelereignissen (ich halte hier und heute einen Vortrag) zum Denken in Zusammenhängen: In welchem Zusammenhang kann man dieses Ereignis „Vortrag“ verstehen: als Schritt in meinem Entwicklungsweg, als Element der Essener Bahá'í-Gemeinde-Entwicklung als Puzzlestein im Denken eines hier Anwesenden Zuhörers usw.
Es gibt eigentlich keine Ereignisse, die plötzlich alles ändern, immer existiert ein System, ein Sinnzusammenhang, der das Ereignis einbettet. Wachstumsprozesse innerhalb eines Systems haben keine Sprünge, d.h. wir machen nicht alles neu, sondern bauen auf den Taten und Erfahrungen der Vergangenheit auf.
Prozesswissen lässt sich auch durch das Studium des Vergangenen erwerben: was ist gut, was nicht so gut gelaufen. Viele Dinge sind vielleicht auf einer Ebene verloren gegangen, weil sie als misslungene Einzelereignis, nicht aber als Baustein von Prozessen verstanden wurden. Auf einer anderen Ebene ist überhaupt nichts verlorengegangen, weil alle Bemühungen irgendeine Resonanz im Wachstumsprozess finden.
3. Sachzwänge:
Heute redet man gerne, besonders in der Politik, von Sachzwängen. Da hinter verbergen sich zwei Tendenzen:
Der Sachzwang hilft als Argument dem einzelnen, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Wenn in Berlin der Kulturetat aus Sachzwang heraus radikal gekürzt wird, liegt dies nicht in der Verantwortung der zuständigen Politiker, sondern ist ein von außen quasi unmenschlich vorgegebener Zwang. So können auch Mitarbeiter ohne Gewissensbisse entlassen oder Erziehungslücken übergangen werden. Und wenn Erwachsene ihr Leben eingerichtet haben, so kann dies manchen Sachzwang für die Kinder bedeuten, aber an dem kann man leider nichts ändern.
Der Sachzwang wird aber auch von der Erkenntnis um Systemlogiken gespeist. Man versteht, dass hier komplexe Zusammenhänge wirken, die vieles Tun quasi zwangsläufig nach sich ziehen. Die Verantwortung, die für solche Systeme angemessen ist, ist nicht unbedingt die gleiche, die wir von früher her gewohnt sind ...
Wie trägt man Verantwortung in Systemen?
Jetzt reden wir über Prozess-Führung .....
II. Führung
Was verbinden wir eigentlich normalerweise mit Führung?
Der Begriff ist in Deutschland ziemlich negativ besetzt seit hier der Führer sein tausendjähriges Unwesen getrieben hat. Worte wie Führung oder Führerschaft, die in anderen Ländern gang und gäbe sind, kommen manchem hier nur noch schwer von den Lippen.
Dennoch brauchen wir so etwas wie Führung und Führungsqualitäten, auch jetzt in Zeiten von Systemen und Prozessen, von Sachzwängen und ...
Allerdings könnte es sich um eine andere Art von Führung handeln als wir sie gewohnt sind.
Traditionell: Was sind wir gewohnt?
Ich will hier mal 4 Typen von Führung kurz vorstellen, die wir alle kennen:
- der autoriäre Führungsstil
- der paternalistische oder maternalistische Führungsstil
- der allwissende Führungsstil und
- der manipulative Stil
Sie kommen so nicht in Reinform vor, aber ihre Tendenzen sind unverkennbar. Dem einen oder anderen sind wir bestimmt schon häufiger begegnet. Ja, wir werden feststellen, dass wir in unserem eigenen Tun oft genug Aspekte des einen oder anderen selbst an den Tag legen.
a.) Der autoritäre Führer
- gibt Befehle
- hört nicht zu
- droht
- erwartet sofortigen, exakten Gehorsam
Von einer Gruppe kann ein solcher Führer erwarten:
- Widerstand
- Anpassung und Unterwerfung
- Zorn, Gewalt, offene Opposition
- Die eigene Initiative ist unterdrückt
b.) Der pater- bzw. maternalistische Führer
Ein solche Führungsperson
- wünscht das Wohlergehen der Gruppe
- ist Überprotektiv
- wirkt kontrollierend
- erfreut sich u.U. daran, die Abhängigkeit der anderen zu sehen
Die Gruppe reagiert mit:
- Abhängigkeit und Unbeholfenheit
- Passivität und vermindertem Selbstbewusstsein
- entwickelt ihre Fähigkeiten nicht
- bequem! (falls der Führer wechselt, wollen sie einen ähnlichen Führer)
c.) Der allwissende Führer:
Eine solche Führungsperson
- ist arrogant
- gibt mit seinem Wissen an
- ist ungeduldig
- hat ein Erhabenheitsgefühl
- vermindert Glaubwürdigkeit von anderen (indem er sie ins Lächerliche zieht)
Die Gruppe reagiert mit
- geringem Selbstbewusstsein
- Minderwertigkeitsgefühlen
- Angst und Frustration
- geringer Anteilnahme der Mitglieder
- Respekt für den Führer
- Abwesenheit von Initiativen
- manchmal auch offen mit Ärger
d.) Der manipulative Führungsstil
Eine solche Führungsperson:
- ist oft unehrlich
- täuscht nur vor, sich um das Wohlergehen der anderen zu sorgen
- glaubt, dass er über Gesetze hinweg gehen kann
- fördert seine eigenen Interessen
- benutzt eine versteckte Agenda
- nutzt die Schwächen der anderen aus
Die Gruppe reagiert mit
- Desillusion
- Misstrauen (danach ist es schwer, wieder Vertrauen zu bekommen)
- Zynismus
- Mangel an Initiativen
- Gesetze verlieren ihre Wirkung
- Der Einzelne wendet sich von der Gruppe ab, fühlt sich hintergangen.
e.) Führung in einer Demokratie
Uns ist natürlich irgendwie klar, dass in einer Demokratie Führung anders ablaufen sollte als nach den vier o.g. Modellen. Gucken wir uns mal den demokratischen Führungsstil an.
Eine solche Führungsperson
- ist allen Ideen gegenüber aufgeschlossen
- fördert Beteiligung
- hilft, Alternativen zu bedenken und Entschlüsse zu fassen
- nimmt sich der Probleme einer Gruppe an
- versucht Konsens zu erzeugen
- sorgt dafür, dass die Interessen aller sind per Wahl repräsentiert sind
Die Gruppe:
- fühlt sich einbezogen
- Initiativen entstehen
- Selbstbewusstsein der Beteiligten wächst
- Persönliche Weiterentwicklung ist erwünscht
- allgemeine Beteiligung erscheint möglich
Einschätzung zum demokratischen Führungsstil:
Allerdings ist auch dieser Führungsstil nicht ganz unproblematisch, besonders in der momentan vorherrschenden parteienzentrierten Demokratie.
Die Basis der Führung geschieht durch Wahl.
Hier wird aus einer begrenzten Anzahl von Kandidaten und nach oft aufwändiger Wahl-Propaganda (Geld!) eine Person gewählt. Um in einer Demokratie gewählt zu werden, muss ein Kandidat aber gerade nicht demokratische Führungseigenschaften aufweisen: er muss an sich selbst denken, sich durchsetzen, andere in die Ecke drängen, sich in den Mittelpunkt stellen usw.. Und nach der Wahl sind es oft jene traditionellen Führungsstile, die einen Führer erfolgreich werden lassen: der gute Führer setzt sich durch, er weiß alles, sagt wo es langgeht, kontrolliert und manipuliert erfolgreich unterschiedliche Gruppen usw.
Der demokratische Führungsstil, wie wir ihn häufig erleben,
- belohnt die Rücksichtslosen
- fördert Intrigen und verdeckte Koalitionen, faule Kompromisse
- basiert auf und verstärkt Parteienbildung und (künstliche) Unterschiede
- Minderheiten haben Schwierigkeiten, gehört zu werden
- ist anfällig für Lobbying
- konzentriert sich auf die kurzfristige Wählergunst statt der langfristigen Entwicklungsperspektiven
- Das Ideal ist nicht das Beste, sondern der Kompromiss; denn man braucht Mehrheiten
- fördert den Gruppenvorteil und nicht die Idee des Gemeinwohls
Zusammenfassung: Die uns vertrauten Führungsstile wirken bei Licht betrachtet alle nicht so ganz überzeugend. Neben einigen Vorteilen überwiegen bei allen doch die Nachteile.
III. Prozess-Führung
Meine Idee hier ist nun, dass das Führungsmodell für die heutige Zeit sich an ganz anderen Kriterien messen lassen muss. Ich nenne dieses Modell mit dem fürchterlichen Namen „Ethische Prozess-Führerschaft“ und werde es im Folgenden in zwei Stufen erläutern
Zunächst die Prozess-Führerschaft und dann die ethische Version dieser Prozess-Führerschaft.
Prozess-Führerschaft
Was bedeutet Führung im Prozess?
Werden wir jetzt mal konkret
Sehen wir uns z.B. mal die langfristige Beziehung von Menschen in einer Familie an. Wie sieht so etwas als Entwicklungsprozess aus?
Wenn Sie zurücktreten, sehen Sie einen gesamten Entwicklungsverlauf, einzelne Episoden daraus werden gerne erzählt (Wie sich die Eltern kennen gelernt haben, ein ganz besonderer Urlaub ...) andere lieber verschwiegen (ernsthafte Auseinandersetzung, Arbeitsplatzverlust usw.)
- Kennen lernen
- Verliebtheit
- Vertrautheit
- Heirat
- Wohnungswechsel
- Arbeitsentwicklung
- Kindergeburten
- Hauskauf
- Kinderwachstum
- Die Oma zieht ins Haus
- Die Kinder wechseln die Schule
- Die Frau wechselt die Arbeit
- Die Kinder verlassen das Haus
- Kinder heiraten
- Oma stirbt
- Enkelkinder werden geboren
Im Rückblick sieht man Zusammenhänge, erkennt das schleichende Schulversagen des Sohnes und seine sich entfaltenden künstlerischen Neigungen. Man bemerkt die wachsende Vertrautheit zwischen den Eltern, die eine Krise (auch deren langsames Entstehen kann man sehen) bewältigen usw..
Was man vermutlich nicht findet ist einen Prozessführer, einen der das alles steuert und an den entscheidenden Stellen beeinflusst.
Wenn man sich nun einen kleineren Teil dieses Familienprozesses wie durch eine Lupe ansieht, zeigt sich ein anderes Bild: Die Entwicklung des Sohnes hin zu einem begnadeten Restaurator führt uns z.B. zu vielen kleinen Förderschritten, die schon in frühester Kindheit beginnen. Als die Kindergärtnerin seine Freude am Malen und Gestalten zunächst unterstützt, später systematisch fördert. Als die Mutter den Jungen zu einem Urlaub zur malenden Tante schickt, als der Vater sein Bildungsideal vom Sohn als Arzt aufgeben konnte und sich mit ihm gemeinsam auf Ausbildungssuche begibt, und als der Malermeister seinen Malergesellen auf eine Weiterbildung zum Restaurator aufmerksam macht. Außerdem finden wir natürlich viele Momente, wo der Sohn selbst Entscheidungen fällt: lieber das Bild zu Ende malt statt draußen zu spielen, sich mit dem Vater über die Bedeutung der Schule streitet usw.
Wir sehen also selbst in dieser noch sehr groben Vergrößerung eine Vielzahl von Einflussfaktoren auf dem Weg des Sohnes vom Kleinkind zum Restaurator. Bei genauerem Hinsehen tauchen immer wieder Menschen auf, die zur rechten Zeit das Richtige für diese Entwicklung vorangetrieben haben. (Im Nachhinein betrachtet und im Wissen, dass vom Prozess der künstlerischen und beruflichen Entwicklung des Jungen die Rede ist)
Ich würde jetzt sagen: Solche Menschen haben in diesem Prozess zu einem spezifischen Zeitpunkt die Prozess-Führerschaft übernommen
Die Führung übernimmt derjenige in einem Prozess, der zur Zeit das Prozessförderliche tut.
D.h. der Prozess benötigt etwas Spezifisches und wer dieses bereitstellt, übernimmt die Prozessführerschaft. Oder umgekehrt: der Prozess entwickelt sich weiter durch die Interventionen eines Menschen, den ich Prozess-Führer nenne.
D.h. aber auch Prozessführung entsteht und vergeht. Jemand übernimmt die Führung in einem Prozess, indem er das zur Zeit Prozessnotwendige tut. Und schon gibt er diese Führung wieder ab an jemanden, der als nächster mit seinen spezifischen Fähigkeiten das Beste für den Prozess beitragen kann.
Voraussetzungen zur Prozessführerschaft:
Erfahrung: Ich muss Wissen um den Prozess haben (explizit oder implizit; sonst geschieht Führung durch Zufalls; Sachzwang!)
Achtsamkeit: Ich muss auf den Prozess und seinen jeweiligen Bedarf achten, ein Gespür für das Notwendige bekommen.
Fähigkeiten: ich muss mir bewusst darüber sein, was ich beitragen kann, wo ich gut bin und wo nicht so gut.
Verantwortung zum Handeln: Selbst aktiv werden, andere Geeignetere einbeziehen, abwarten können.
Anwendung:
Z.B. In der Beratung, von der Bahá'í immer wieder gern erzählen (vielleicht, weil sie ahnen, dass sie damit einen unschätzbaren Schatz haben, wenn wir auch noch wenig darüber Genaues wissen bzw. in der Anwendung herausbekommen haben) zeigt sich Führerschaftswechsel von Sekunde zu Sekunde. So kann man in einem Gesprächsverlauf sehr wohl den Wechsel festhalten, nicht aber einen Gesamtführer. Es ist am Ende einer guten Beratung fast nie festzustellen, woher ein Beschluss eigentlich gekommen ist ...
- Erfahrung: ich kenne Beratung und ihre Abläufe, vertraue in ihre innere Logik
- Achtsamkeit: was braucht die Beratung gerade jetzt (nicht unbedingt ausgerechnet mein nächstes Statement..)
- Fähigkeiten: Habe ich das, was gerade gebraucht wird?
- Handlungsverantwortung: zu reden, zu schweigen, nachzufragen, aufzufordern
Vom Nutzen für den Prozess zum Gemeinwohl.
IV. Ethische Prozess-Führerschaft
Soweit die Prozess- und Systemlogik.
Wenn man sich hinter den vielen Wörtern den Sinn ansieht, klingt das ja ganz gut.
Allerdings: Wenn man das jetzt noch etwas genauer ansieht, tut sich ein Abgrund von Willkürlichkeit auf.
Da sich Prozessführerschaft an dem Notwendigen des Prozesses ausrichtet, ist sie beliebig vorstellbar. Im Rüstungswettlauf großer Nationen, den man auch als Prozess rekonstruieren kann, bedeutet das Notwendige zwangsläufig etwas völlig anderes als in der Kindererziehung. Aber auch in der Kindererziehung sind völlig unterschiedliche Sinnzusammenhänge vorstellbar, die jeweils etwas gänzlich anderes als nötig und sinnvoll erachten (Kind in Mafia-Familie, in einer weißen Herrscherfamilie im Rahmen eines Apartheidstaates usw.).
Prozessführerschaft kann sich orientieren am Wohlergehen einer Person. Oder es handelt sich um Gemeinwohl, dann kann damit gemeint sein: das Wohl
- einer Gruppe (z.B. der Familie)
- einer Gemeinde,
- eines Staates,
- der Welt.
Reden wir von einem Beispiel, das hier ganz nahe liegt: Das Gemeindewohl der xxxxx Bahá'í-Gemeinde
Es gibt hier sagen wir mal 50 Bahá'í, die eine Gemeinde entwickeln (Wie jede Gruppe besteht eine Gemeinde nicht starr sondern verändert sich ständig, wächst oder vergeht an Zahl oder Geist). Viele Mitglieder dieser Gemeinde verfügen über eigene Erfahrungen in dieser oder einer ähnlichen Gemeindeentwicklung. Mit Achtsamkeit kann ein Gemeindemitglied feststellen, was der Gemeinde gut tut. Es kann seine Fähigkeiten einsetzen, um die jetzt gerade sinnvolle Entwicklung voranzutreiben. Es kann auch eigene Fähigkeiten neu entwickeln, um sie dann zur Gemeindeentwicklung einsetzen zu können. Und es kann die Verantwortung übernehmen, das Richtige zu tun, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Das Richtige kann ein Vortrag über den Wert der Einheit sein, eine Einladung zu einem Abendessen, ein Wunsch nach einem gemeinsamen Gebet, die Planung eines Gemeindeausflugs usw.. Die Fähigkeiten, die dafür nötig sind unterscheiden sich, wie es die Menschen tun: die Kunst der gelehrten, aber verständlichen Rede; die Kochkunst, die geistige Empfindsamkeit, die systematische Planung, die Kunst Freude zu vermitteln usw.
Und man stellt fest: Jeder, wirklich jeder kann zur Gemeindeentwicklung beitragen, jeder kann Prozess-Führerschaft übernehmen. Und eine weitere Erkenntnis hat inzwischen die Erfahrung gelehrt: je mehr Mitglieder an der Weiterentwicklung ihrer Gruppe aktiv beteiligt sind, desto erstaunlicher, reichhaltiger und ganzheitlicher gestaltet sich diese Gruppe.
Wenn man die Logik aber ganz zu Ende denkt, heißt die Zielorientierung einer ethisch begründeten Prozess-Führerschaft: Das Gemeinwohl ist das Wohl der ganzen Welt.
„Es rühme sich nicht der, der seine Heimat liebt, sondern der, der die ganze Welt liebt“
Erinnern wir uns also noch mal der Voraussetzungen zur Führerschaft in Prozessen.
Wir brauchen:
- Erfahrung: Ich muss Wissen um den Prozess haben (explizit oder implizit; sonst geschieht Führung durch Zufall; Sachzwang!)
- Achtsamkeit: Ich muss auf den Prozess und seinen jeweiligen Bedarf achten, ein Gespür für das Notwendige bekommen
- Fähigkeiten: Ich muss mir bewusst darüber sein, was ich beitragen kann, wo ich gut bin und wo nicht so gut.
- Verantwortung zum Handeln: Selbst aktiv werden, andere Geeignetere einbeziehen, abwarten können.
Ethische Prozess-Führung in dem letztgenannten Sinne setzt aber ein ganz besonderes Wissen voraus: Das Wissen um weltumspannende Zusammenhänge, um ausgesprochen langfristige Prozesse und deren Entwicklungsbedürfnisse.
Auf gut Deutsch:
Ich muss wissen
- was die Weltentwicklung braucht
- wie das, was ich in meine kleinen Alltag tue, am besten getan wird im Hinblick auf das Wohlergehen der ganzen Welt
- wo ich kleines Menschlein mit meinen winzigen Quantum an Eigenschaften im gigantischen Weltgeschehen meinen optimalen Platz habe.
Kann man so was überhaupt wissen?
Die Bahá'í sagen dazu: es gibt Menschen, die eine solche Weltsicht haben und diese weitervermitteln. Wir nennen diese Menschen Offenbarer und glauben daran, dass die jüngste Weltsicht von Bahá'u'lláh vermittelt wurde. Bei Ihm kann man eine Menge nachlesen über die momentanen Entwicklungsprozesse, in denen sich der Einzelne und die Welt befinden.
Und wie alle Gottesoffenbarer vor ihm gibt Bahá'u'lláh auch eine Fülle an Hinweisen, Empfehlungen und Weisungen, wie der Mensch sich für die Weltentwicklung und seine eigene Entwicklung optimal einbringen kann.
Und ist es nicht so, dass wir manchmal bei uns selbst das Gefühl haben, etwas völlig Richtiges zu tun, ganz im Einklang zu sein mit der Welt? Kein Wunder, denn wir haben das Gespür für das Richtige in uns. Bahá'u'lláh bestätigt uns, dass wir als ein Gottesgabe „Gerechtigkeit“ mit auf den Weg bekommen haben:
„O Sohn des Geistes! Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. Wende dich nicht ab von ihr, wenn du nach Mir verlangst, und vergiss sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten. Bedenke im Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich, Gerechtigkeit ist Meine Gabe und das Zeichen Meiner Gnade. So halte sie dir vor Augen.“ (Verb. Worte arab. 2)
Eigentlich fängt an dieser Stelle das Denken über ethische Prozess Führung erst an.
Wir müssten über Haltungen reden:
- Glaube an die edle Natur des Menschen
- Die Verantwortung nach der Wahrheit zu suchen und nach ihr zu handeln
- Dienstbarkeit als Handlungsbasis
Wir müssten über Entwicklungsziele reden:
Was heißt: „Der Mensch ist dazu erschaffen, eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen?“
Was heißt angesichts der zunehmenden Individualisierung, dass persönlicher und gesellschaftlicher Wandel ineinander verwoben sind und nur gemeinsam betrieben werden können?
Und was sind es für spezifische Fähigkeiten, die uns zu einer ethischen Prozessführung befähigen?
Um nur einige zu nennen:
- Die Fähigkeit zu weitreichender Vision und zielorientiertem Handeln
- Die Fähigkeit zu Transzendenz (Das Geistige durchschimmern sehen)
- Die Fähigkeit, Einheit in der Vielfalt zu sehen und zu fördern
- Die Fähigkeit, miteinander zu beraten
- Die Fähigkeit, andere zu ermutigen
Vielleicht sollte man zusammenfassend sagen, die Fähigkeit, meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst vor dem Hintergrund, dass der Nächste mein Mitmensch ist – und zwar überall auf der Welt.
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Dieser Vortrag ist einfach zu schade für die Schublade "Aus meiner Schatztruhe"
Verfasst von Gerhard Bähr am 7 November, 2015 - 09:46
Termin: 07.11.15 09:36
Botschaft an einen Bahá'í zur Sozialpolitik vom 23. Dezember 2008
DAS UNIVERSALE HAUS DER GERECHTIGKEIT
SEKRETARIATSABTEILUNG
23. Dezember 2008
[An einen einzelnen Gläubigen]
Lieber Bahá'í-Freund,
Ihre E-Mail, in der Sie sich erkundigen, bis zu welchem Grad ein Bahá'í, insbesondere ein Sozialwissenschaftler oder Dozent, sich öffentlich über sozialpolitische Fragen äußern darf, hat das Universale Haus der Gerechtigkeit erhalten. Wir sind gebeten worden, Ihnen folgende Antwort zu übermitteln.
Selbstverständlich ist Ihnen das von Shoghi Effendi verkündete Prinzip der Nichteinmischung in Politik bekannt. Bahá'í sollen davon „Abstand nehmen, sei es durch Worte oder durch Taten, sich mit den politischen Zielen ihrer jeweiligen Länder, mit den politischen Bestrebungen ihrer Regierungen und den Machenschaften und Programmen von Parteien und Fraktionen zu assoziieren. Sie beschuldigen nicht, ergreifen niemandes Partei, unterstützen keine Pläne und identifizieren sich mit keinem System, das den besten Interessen des Glaubens zuwiderläuft und vermeiden das Gezänk und die Verstrickungen, die untrennbar sind von den Bestrebungen eines Politikers. Sie sollen sich erheben über jeglichen Partikularismus und Parteilichkeit, über leere Dispute, belanglose Berechnungen, über vorübergehende Leidenschaften, welche das Antlitz einer im Wandel begriffenen Welt erregen und ihre Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen.“ Dieses Prinzip, welches strikte Vermeidung von parteigebundener politischer Aktivität jeglicher Art verlangt, muss peinlich genau eingehalten werden. Da sich jedoch einerseits die Gesellschaft und ihre politischen Prozesse entwickeln und andererseits der Glaube wächst, wird die Wechselwirkung zwischen den beiden zunehmend komplexer. Das Haus der Gerechtigkeit wird im Laufe der Zeit die nötige Führung bereitstellen, um dieses Prinzip den jeweils vorherrschenden Umständen anzupassen.
Der Ausdruck Politik kann breitgefächerte Bedeutungen haben, und daher ist es wichtig zu unterscheiden zwischen parteipolitischer Aktivität und dem Diskurs und den Handlungen, die darauf ausgerichtet sind, konstruktiven gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Ersteres wird verboten, Letzteres stark angeraten; in der Tat ist das Hauptanliegen der Bahá'í-Gemeinde der gesellschaftliche Wandel. 'Abdu'l-Bahás Abhandlung Das Geheimnis göttlicher Kultur zeigt sehr deutlich, wie sehr sich der Glaube dem Ziel verpflichtet fühlt, gesellschaftlichen Wandel zu fördern, ohne sich in die Arena der Parteipolitik zu begeben. Unzählige Passagen in den Bahá'í-Schriften ermutigen zudem die Gläubigen, zur Verbesserung der Welt beizutragen. Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, sagt Bahá'u'lláh, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen. 'Abdu'l-Bahá ermahnt die Freunde, sich in allen Tugenden der Menschenwelt hervorzutun durch Ergebenheit und Aufrichtigkeit, durch Gerechtigkeit und Treue, durch Festigkeit und Standhaftigkeit, durch philanthropische Taten und Dienst an der Menschenwelt, durch Liebe zu jedem Menschen, durch Einheit und Eintracht mit allen Menschen, durch ihre Anstrengungen, Vorurteile zu beseitigen und den Weltfrieden zu fördern.
Weiterhin erklärt Shoghi Effendi in einem Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde: „Wie sehr sich die Freunde auch davor hüten müssen, den Anschein zu erwecken, dass sie oder der Glaube sich mit irgendeiner politischen Partei identifizieren, müssen sie sich doch auch vor dem anderen Extrem hüten, nämlich niemals mit anderen fortschrittlichen Gruppen bei Konferenzen oder Komitees zusammenzuarbeiten, welche die eine oder andere Aktivität fördern, die völlig im Einklang ist mit unseren Lehren.“
In einem anderen in seinem Auftrag geschriebenen Brief aus dem Jahre 1948, als rassische Ungleichheit in vielen Staaten der USA gesetzlich festgelegt war, weist er darauf hin, dass überhaupt nichts dagegen spricht, dass Studenten an etwas teilnehmen, das dem Geist unserer Lehren offensichtlich so verwandt ist wie eine Campus-Demonstration gegen Rassenvorurteile. Daher müssen sich die Bahá'í unermüdlich, durch Wort und Tat, mit einer Anzahl sozialer Fragen befassen.
Als die Bahá'í-Gemeinde noch klein war, war ihr Beitrag zum sozialen Wohlergehen natürlicherweise begrenzt. 1983 verkündete das Haus der Gerechtigkeit, dass das Wachstum des Glaubens es notwendig gemacht habe, sich mehr mit dem Leben der Gesellschaft zu befassen. Die Bahá'í begannen, sich systematischer durch Aktivitäten unterschiedlicher Komplexität bei der Arbeit sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung einzubringen. Die Bemühungen, zum sozialen Wandel beizutragen, beinhalteten auch die Teilnahme am öffentlichen Diskurs über die Menschheit betreffende Themen, wie Frieden, das Ablegen von Vorurteilen aller Art, die geistige und moralische Befähigung der Jugend und das Fördern von Gerechtigkeit. Diese beiden Arten von Aktivitäten haben im Verlauf der letzten fünfundzwanzig Jahre ständig zugenommen und werden künftig an Umfang und Einfluss zunehmen.
Die organisierten Bemühungen der Bahá'í-Gemeinde auf diesen Gebieten werden verstärkt durch diverse Initiativen von Seiten einzelner Gläubiger, die auf verschiedenen Gebieten arbeiten als Freiwillige, Professionelle und Experten mit dem Ziel, zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Was deren Arbeitsweise von anderen unterscheidet, ist, dass die Bahá'í Konflikte und Machtstreben vermeiden und sich zugleich bemühen, die Menschen zu einen auf der Suche nach den zugrundeliegenden moralischen und geistigen Prinzipien und nach praktischen Maßnahmen, die zu einer gerechten Lösung der Probleme führen, welche die Gesellschaft heimsuchen. Die Bahá'í sehen die Menschheit als einen einzigen Organismus.
Alle sind untrennbar miteinander verbunden.
Eine soziale Ordnung, die darauf abzielt, die Bedürfnisse einer Gruppe auf Kosten einer anderen zu befriedigen, hat Ungerechtigkeit und Unterdrückung zur Folge. Im Gegensatz dazu wird den besten Interessen eines jeden Teils Rechnung getragen, wenn man dessen Bedürfnisse im Licht des Wohlergehens des Ganzen sieht.
Eine Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs und Handeln wird manchmal erfordern, dass Bahá'í sich bei der Entwicklung von politischen Aktionsplänen einbringen. In diesem Zusammenhang hat das Wort politischer Aktionsplan, ebenso wie der Begriff Politik, eine breitgefächerte Bedeutung. Zwar werden Bahá'í sich zurückhalten, wenn es darum geht, Vorgehensweisen zu diskutieren, die sich auf politische Beziehungen zwischen Ländern beziehen oder auf parteipolitische Angelegenheiten innerhalb eines Landes; sie werden jedoch zweifellos ihren Teil beitragen zu der Formulierung und Umsetzung von politischen Entscheidungen, die sich mit bestimmten gesellschaftlichen Sorgen befassen. Beispiele solcher Anliegen sind die Wahrung der Rechte der Frauen, umfassende und effektive Bildung für alle Kinder, das Unterbinden der Verbreitung von ansteckenden Krankheiten, Schutz der Umwelt und Ausmerzung der Extreme von Armut und Reichtum.
Es ist daher offensichtlich, dass Sie als Bahá'í, der zugleich Politikwissenschaftler ist, eine große Bandbreite zur Verfügung haben, innerhalb derer Sie sich zu sozialen Angelegenheiten äußern können. Es ist jedoch auch möglich, bei der Erarbeitung und Anwendung von Wissen auf Ihrem Gebiet teilzunehmen und sich dabei mit Themen zu befassen, die ihrer Natur nach noch unmittelbarer politisch sind. Ohne Zweifel sind Sie sich des allgemeinen Rates bewusst, der im Namen des Hüters geschrieben wurde, dass eine Möglichkeit, die soziale und politische Ordnung der Zeit zu kritisieren, ohne dabei für oder gegen ein bestehendes Regime zu sprechen, darin besteht, eine eingehendere Analyse auf der Ebene politischer Theorie anzubieten, ohne sich über die Praxis der Politik zu äußern.
Ein anderer Weg könnte darin bestehen, mit Hilfe wissenschaftlicher Forschung die gegensätzlichen Standpunkte zu beleuchten, um ein gemeinsames Verständnis und effektive Lösungen zu finden, ohne dabei parteipolitischen Interessen und Verschleierung zu unterliegen. Bahá'u'lláh sagt: „Alles Politische, was ihr erörtert, fällt unter den Schatten eines der Worte, die vom Himmel Seiner ruhmreichen, Seiner erhabenen Rede herniedergesandt sind.“
Sie haben die Gelegenheit, die Edelsteine Seiner Offenbarung aus ihrem Bergwerk zu bergen und sie derart zu bearbeiten und zu präsentieren, dass sie denen, die neue Einsichten suchen, anziehend erscheinen. Auf die Dauer werden Sie lernen müssen, das Gleichgewicht zu finden zwischen den Prinzipien und Ideen, die Sie für wahr halten, die von den Lehren des Glaubens stammen, und solchen, die aus Ihren wissenschaftlichen Studien resultieren.
Ohne Zweifel werden Herausforderungen erstehen. So werden Sie zum Beispiel finden, dass ein Fragenkomplex, der sich mit sozialer Aktion befasst, auch Thema der politischen Debatte zwischen konkurrierenden Fraktionen geworden ist, und es bedarf der Weisheit, um zu bestimmen, ob Sie Ihre Vorgehensweise anpassen oder die Angelegenheit für eine Weile ruhen lassen wollen. In manchen Fällen mag es notwendig sein, Gelegenheiten vorbeigehen zu lassen, die Sie in eine politische Debatte verwickeln könnten oder die als Kritik an der Parteipolitik von Regierungen erscheinen mag.
In anderen Fällen könnte es besonders heikle Themen geben, wie z.B. solche, die mit Ländern zu tun haben, in denen die Bahá'í-Gemeinde Verfolgung und Unterdrückung erleidet, wobei Kommentare den Eindruck erwecken könnten, dass sich die Freunde an politischen Aktivitäten beteiligen, die den Interessen einer bestimmten Regierung entgegengesetzt sind. Diese gleichen Bedenken entstehen, wenn es darum geht, Einladungen der Medien zu beurteilen, die darum bitten, sich an Diskussionen über politische Tagesthemen zu beteiligen oder zu engagieren. Ihr Nationaler Geistiger Rat steht Ihnen zur Verfügung, um Ihnen dabei zu helfen, spezielle Fragen zu klären, falls diese Notwendigkeit auf Sie zukommt.
Seien sie der Gebete des Hauses der Gerechtigkeit an der Heiligen Schwelle versichert, dass Ihre Bemühungen, die Prinzipien des Glaubens in Ihren beruflichen Aktivitäten widerzuspiegeln, die Segnungen und Bestätigungen der Altehrwürdigen Schönheit anziehen mögen.
Mit liebevollen Bahá'í-Grüßen,
Sekretariatsabteilung
Andachtstexte zu Weihnachten
Erinnert euch daran, wie die heiligen Düfte des Geistes Gottes ihre Süße über Palästina und Galiläa, über die Ufer des Jordan und die Gefilde um Jerusalem ergossen, wie die wundersamen Melodien des Evangeliums in den Ohren der geistig Erleuchteten klangen: Alle Völker von Asien und Europa, von Afrika und Amerika, von Ozeanien, das die Inseln und Inselgruppen des Pazifischen und des Indischen Ozeans umfasst, waren Feueranbeter und Heiden, unbewusst der Göttlichen Stimme, die am Tage des Bundes sprach. Allein die Juden glaubten an die Göttlichkeit und Einheit Gottes. Nach der Erklärung Jesu hauchte der reine, erweckende Odem Seines Mundes drei Jahre hindurch ewiges Leben in die Bewohner jener Landstriche, und durch die Göttliche Offenbarung des Gesetzes Christi wurde damals dem siechen Körper der Welt die lebensspendende Arznei gereicht.
'Abdu'l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 47
Betrachte die, welche den Geist verwarfen, als Er mit offenbarer Herrschaft zu ihnen kam. Wie zahlreich waren die Pharisäer, die sich in Seinem Namen in die Synagogen einschlossen und über ihre Trennung von Ihm klagten; als aber die Tore der Wiedervereinigung aufgestoßen wurden, als strahlend das Licht Gottes am Morgen der Schönheit aufzog, da leugneten sie Gott, den Erhabenen, den Mächtigen. Sie säumten, in Seine Gegenwart zu treten, obwohl ihnen Sein Kommen im Buche Jesajas wie auch in den Büchern der Propheten und Gottesboten verheißen war. Keiner von ihnen wandte das Angesicht dem Morgen göttlicher Großmut zu, die ausgenommen, welche aller Macht unter den Menschen ermangelten. Und doch brüstet sich heutzutage jeder, der mit Macht belehnt und mit Herrschaft bekleidet ist, Seines Namens... Nimm dich wohl in Acht und gehöre zu denen, die die Warnung befolgen.
Bahá'u'lláh, Botschaften aus 'Akká, S. 25-26
Ebenso wurden, als die Stunde der Offenbarung Jesu nahte, einige Magier dessen gewahr, dass der Stern Jesu am Himmel aufgegangen war. Sie suchten ihn und folgten ihm, bis sie zu der Stadt kamen, die der Königssitz des Herodes war, dessen Herrschaftsgebiet sich in jenen Tagen über das ganze Land erstreckte. Diese Magier sprachen: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben Seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, Ihn anzubeten.“ Als sie nun nachforschten, fanden sie heraus, dass das Kind in Bethlehem im Lande Judäa geboren war. Dies war das am sichtbaren Himmel offenbarte Zeichen. Was nun das Zeichen am unsichtbaren Himmel betrifft, dem Himmel göttlicher Erkenntnis und Einsicht, so war es Johannes, der Sohn des Zacharias, der dem Volke die frohe Botschaft der Manifestation Jesu gab.
Bahá'u'lláh, Das Buch der Gewissheit (Kitáb-i-Íqán), S. 54-55
Alle Herrschaft gehört diesem neugeborenen Kind, durch das der Schöpfung Antlitz mit strahlendem Lächeln geschmückt wurde, die Bäume hin und her schwankten, die Ozeane brandeten, die Berge die Flucht ergriffen, das Paradies seine Stimme erhob, der Fels ausrief, und alles Erschaffene kundtat: „O Scharen der Schöpfung! Eilt zum Aufgangsort des Antlitzes eures Herrn, des Barmherzigen, des Mitleidvollen!“
Bahá'u'lláh, Tablet zu den Heiligen Zwillingsgeburtstagen
Rufe dir die Tage ins Gedächtnis zurück, da der Geist Gottes erschien und Herodes das Urteil über Ihn sprach. Gott aber half Ihm mit den unsichtbaren Heerscharen, beschützte Ihn mit der Wahrheit und sandte Ihn nach Seiner Verheißung in ein anderes Land. Wahrlich, Er verordnet, was Ihm gefällt. Dein Herr behütet sicher, wen Er will, und sei er auch in der Mitte der Meere oder im Bauch der Schlange oder unter dem Schwerte des Tyrannen.
Bahá'u'lláh, Anspruch und Verkündigung, S. 103
Denke auch über die Lage Marias nach. So tief war die Bestürzung dieser edlen Gestalt, so schlimm ihre Lage, dass sie bitterlich beklagte, jemals geboren zu sein. Dies bezeugt der Text des heiligen Verses, worin berichtet wird, wie Maria nach der Geburt Jesu ihr Los beklagte und ausrief: „Ach, wäre ich doch zuvor gestorben und wäre ganz und gar vergessen!“ Ich schwöre bei Gott! Solche Klage verzehrt das Herz und erschüttert die Seele. Nur der Tadel der Feinde und der spitzfindige Spott der Ungläubigen und Verderbten konnte zu solcher Bestürzung und Verzweiflung führen. Bedenke, was konnte Maria den Leuten zur Antwort geben? Wie konnte sie behaupten, dass ein Kind, dessen Vater unbekannt war, vom Heiligen Geist empfangen sei? So nahm Maria, diese tugendsam verhüllte, unsterbliche Gestalt, ihr Kind und kehrte nach Hause zurück. Kaum waren die Augen der Leute auf sie gefallen, als sie schon ihre Stimme erhoben: „O Schwester Aarons! Dein Vater war doch kein schlechter Kerl und deine Mutter keine Dirne!“ Und nun meditiere über diese größte Erschütterung, über diese schmerzliche Prüfung. All diesen Geschehnissen zum Trotz verlieh Gott diesem Wesen des Geistes, Ihm, der bei den Leuten als vaterlos bekannt war, die Herrlichkeit des Prophetentums und machte Ihn zu Seinem Zeugnis für alle, die im Himmel und auf Erden sind.
Bahá'u'lláh, Das Buch der Gewissheit (Kitáb-i-Íqán), S. 47-48
Wir bezeugen, dass Er, als Er in die Welt trat, den Glanz Seiner Herrlichkeit über alles Erschaffene ergoss. Durch Ihn wurde der Aussätzige vom Aussatz der Verderbtheit und Unwissenheit befreit. Durch Ihn wurden der Unkeusche und der Widersetzliche geheilt. Durch Seine Macht, aus dem allmächtigen Gott geboren, wurden die Augen des Blinden geöffnet und die Seele des Sünders geheiligt. Aussatz mag als Schleier gedeutet werden, der zwischen den Menschen und die Erkenntnis des Herrn, seines Gottes fällt. Wer sich von Ihm trennen lässt, ist in der Tat ein Aussätziger, dessen im Reiche Gottes, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, nicht gedacht werden soll. Wir bezeugen, dass durch die Macht des Wortes Gottes jeder Aussätzige gereinigt, jede Krankheit geheilt und jedes menschliche Gebrechen überwunden wurde. Er ist es, der die Welt läuterte. Selig der Mensch, der sich lichtstrahlenden Angesichts Ihm zugewandt hat!
Bahá'u'lláh, Ährenlese, S. 78
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